Juni 18 , 2018

Warum der lateinamerikanische Ansatz im Bezug auf elektronische Rechnungen heiss diskutiert wird

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In den letzten Jahren haben die lateinamerikanischen Länder die globale Führungsrolle übernommen, wenn es um die elektronische Rechnungsannahme geht. Aber die Geschichte der elektronischen Rechnungsstellung in Lateinamerika unterscheidet sich stark von der in Europa.

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Wissen Sie, welches Land in der elektronischen Rechnungsstellung weltweit führend ist? Laut dem Billentis-Bericht ist es Mexiko, wo Organisationen jährlich über 10 Milliarden elektronische Rechnungen austauschen. Der Grund für die hohe Akzeptanz von elektronischen Rechnungen in Mexiko und auch in anderen lateinamerikanischen Ländern wie Chile, Brasilien, Argentinien und Peru ist unter anderem das von ihnen unterstützte Clearance-Modell.

Das Clearance Modell und die damit verbundene verpflichtende elektronische Rechnungsstellung sind inzwischen zu einem wichtigen Thema in Europa geworden. So hat zum Beispiel Italien beschlossen, die elektronische Rechnungsstellung verpflichtend zu machen, um eine bessere Kontrolle über die Mehrwertsteuer zu erlangen. Italiens Entscheidung markiert damit die Ankunft des Clearance Model in Europa.

In diesem Blog möchte ich näher darauf eingehen, warum sich der lateinamerikanische Ansatz für die elektronische Rechnungsstellung von dem unterscheidet, den wir in Europa bisher kennen. Der markanteste Unterschied ist folgender: In lateinamerikanischen Ländern betrachten die Steuerbehörden die Rechnung als Steuerdokument mit einigen kommerziellen Merkmalen, aber in Europa wird die Rechnung in erster Linie als ein kommerzielles Dokument angesehen, das einige steuerliche Merkmale aufweist.

Warum wird das Clearance Model immer populärer?

Die Mehrwertsteuer macht einen beachtlichen Anteil der Einnahmen des öffentlichen Sektors aus, und die Steuerbehörden sind dafür verantwortlich, sie zu sammeln. Da die Rechnungen die Mehrwertsteuerinformationen enthalten, legt die Steuerbehörde die Grundlage für die Rechnungsstellungs-Regeln fest. Vor diesem Hintergrund ist es leicht zu verstehen, warum das Clearance Model so verlockend ist: Schauen Sie sich einmal die große Lücke zwischen der fälligen Mehrwertsteuer und dem tatsächlich eingenommenen Betrag an. Allein in Europa beläuft sich dieser Betrag  jährlich auf mehrere hundert Milliarden Euro.

Die Steuerberichterstattung in Echtzeit, die mit dem Clearance-Modell einhergeht, ist ein Mittel, um diese Mehrwertsteuerverluste zu stoppen und die Schattenwirtschaft zu bekämpfen. Die Echtzeitberichterstattung hat auch das Potential Transparenz für andere Aspekte der Wirtschaft, beispielsweise für den Import und Export von Informationen zu bieten.

Was ist so anders am Clearance Model?

Der offensichtlichste Unterschied ist die Tatsache, dass viele lateinamerikanische Regierungen die elektronische Rechnungsstellung nicht nur in der B2G (Business-to-Government), sondern auch in der B2B (Business-to-Business) Fakturierung vorgeschrieben haben - also praktisch für alle Unternehmen unabhängig von ihrer Größe oder Industrie. Um die volle Wirkung zu erzielen, sind sowohl die Infrastruktur als auch das elektronische Rechnungsformat geregelt. In der Praxis gibt es in jedem Land ein Regelwerk für die Erstellung und den Versand von elektronischen Rechnungen an Geschäftspartner - es gibt keinen Interpretationsspielraum.

Eine streng regulierte elektronische Rechnungsstellung ist eine Voraussetzung für die Umsetzung der MwSt-Kontrollen in Echtzeit, mit denen die Steuerhinterziehung gestoppt werden soll. In der Praxis werden alle Rechnungen vor oder während des Austauschprozesses von den Behörden gemeldet und autorisiert. Auf diese Weise erhält die Regierung in Echtzeit oder nahezu in Echtzeit Einblick in die Mehrwertsteuerverpflichtungen.

Worin liegt das in Europa dominante Post-Audit Model begründet?

Der Treiber für die elektronische Rechnungsstellung in Europa waren die Käufer. Das Streben nach Effizienz ist der Hauptgrund, und die Rechnung trägt vor allem die notwendigen Informationen zwischen dem Lieferanten und dem Käufer. In diesem so genannten Post-Audit-Modell regeln die Behörden nur den Inhalt der Rechnung, nicht die Art und Weise, wie sie ausgetauscht werden. Unternehmen müssen Rechnungen für Jahre archivieren um eine Merwhertsteuer-Kontrolle zu ermöglichen.  

Vor allem aus europäischer Sicht könnte ein verpflichtender Prozess für die Echtzeit-E-Rechnungs-Validierung unattraktiv erscheinen und wird als Überregulierung angesehen, obwohl die Erfahrung aus Lateinamerika auch wirtschaftliche Vorteile zeigt.

Eine streng regulierte elektronische Rechnungsstellung ist eine Voraussetzung für die Umsetzung der MwSt-Kontrollen in Echtzeit, mit der die Steuerhinterziehung gestoppt werden soll. In der Praxis werden alle Rechnungen vor oder während des Austauschprozesses von den Behörden gemeldet und autorisiert. Auf diese Weise erhält die Regierung in Echtzeit oder nahezu in Echtzeit Einblick in die Mehrwertsteuerverpflichtungen aller Unternehmen und Organisationen.

Welche Vorteile bietet das Clearance-Model für Unternehmen?

Ein einheitlicher und elektronischer Rechnungsstellungsprozess für den B2G- und den B2B-Handel bietet den Vorteil nur einen Prozess implementieren und ausführen müssen. Dies erleichtert insbesondere den Lieferanten die Last und reduziert den Bedarf an Reporting und Archivierung für alle.

In Chile erfordert das Clearance-Model auch eine elektronische Bestätigung der erhaltenen elektronischen Rechnungen von Käufer Seite. Dies ermöglichte die Schaffung einer landesweiten Handelsfinanzierung, die dazu beiträgt, erschwingliche Liquidität für die kleinen Unternehmen freizusetzen.

Was ist mit Nachteilen? Wie wird sich der Trend auf den globalen B2B-Handel auswirken?

Das Hauptproblem besteht darin, dass die Clearance-Strukturen in ihrer jetzigen Form Hindernisse für die Effizienz des globalen Handels und der Geschäftsprozesse schaffen können. Zum Beispiel sind in Lateinamerika die elektronische Rechnungsstellung, der Rechnungsvalidierungs-Prozess und die Vorschriften zur Einhaltung der Steuervorschriften von Land zu Land unterschiedlich. Für Unternehmen, die international operieren, bedeutet dies eine erhöhte Komplexität bei der Einhaltung und mehr technische Anforderungen.

Derzeit stehen beide Ansätze, das Clearance-Modell und das Post-Audit-Modell, im Widerspruch zueinander: Im Tauziehen müssen die Behörden die Mehrwertsteuerlecks stoppen und das Streben der Wirtschaft nach Effizienz und global harmonisierten Märkten unterstützen. Der Compliance-Experte Trustweaver hat bereits das Ende des Post-Audit-Modells prognostiziert, und es besteht durchaus die Möglichkeit, dass man das Post-Audit-Model in wenigen Jahren nur noch in den Nordischen Ländern antreffen wird.  

Branchenorganisationen wie EESPA, OpenPeppol und das Europäische Multi-Stakeholder Forum zum Thema E-Invoicing haben das Thema auf ihrer Agenda. Es besteht die dringende Notwendigkeit, ein gemeinsames Verständnis und eine klare Vorlage und Unterstützung für das Abrechnungsmodell zu schaffen, um die erreichte Interoperabilität auf dem europäischen Markt für elektronische Fakturierung aufrechtzuerhalten.

Ahti Allikas

Ahti Allikas
Ahti Allikas ist seit 2000 in der E-Invoicing-Branche aktiv. Bei OpusCapita bekleidet er derzeit die Position des Head of Partners and Networks und ist für die Weiterentwicklung des E-Invoicing-Ökosystems verantwortlich. Er sitzt im Leitungsgremium des EESPA-Verbands (European E-invoicing Service Providers Association), vertritt OpusCapita in einem weiteren Verband, der OpenPEPPOL Association, und hat sich vor kurzem auch dem European Multi-Stakeholder Forum on E-Invoicing (EMSFEI) angeschlossen.